
"Stabat Mater" macht Leid hörbar
Wetzlarer Kulturgemeinschaft bietet fulminante Rossini-Aufführung
Wetzlar. Schon der Aufmarsch der Sänger war beeindruckend. 100 stimmgewaltige Menschen bildeten am Mittwochabend den optischen und akustischen Hintergrund beim Chor- und Orchesterkonzert in der Wetzlarer Stadthalle.
Dazu kamen mit dem Orchester des Gießener Stadttheaters die Instrumentalisten, die vor der Bühne ihre Plätze einnahmen, sowie vier Solisten aus dem Ensemble des Stadttheaters.
Die Wetzlarer Kulturgemeinschaft hatte zum zweiten Mal in dieser Saison die Wetzlarer Singakademie, den Chor des Stadttheaters Gießen, den Gießener Konzertverein und die Philharmonie Gießen zu Gast und passend zum Höhepunkt der Passionszeit das "Stabat Mater" von Gioacchino Rossini auf dem Programm.
Schon mit der Introduktion, in der Chor und Solisten gemeinsam das "Stabat Mater dolorosa" in eindringlichen Steigerungen singen, wurde das Publikum in Bann geschlagen. Es waren mit 300 Besuchern nur wenig mehr Zuhörer im Saal als Musiker auf der Bühne. Es gibt allerdings in Rossinis einzigem kirchenmusikalischen Großwerk Passagen, die den Ausführenden mehr Freude bereiten als den Zuhörern.
Rossini, von seinen Werken als ausgesprochener Opernkomponist bekannt, komponierte auch das "Stabat Mater" ganz im Opernstil mit Arien und Ensembles. Nur der letzte Chor "In sempiterna saecula" geht musikalisch über ein Opernfinale weit hinaus.
Solisten geben Individualität zugunsten des Zusammenklangs auf
Die Sänger bewiesen gerade bei diesem Stück explizit, dass sie alle Individualität für einen überwältigenden Zusammenklang aufgeben konnten. Von den vier Solisten überzeugten Maria Chulkova, Sopran und Giuseppina Piunti, zweiter Sopran uneingeschränkt. Ohne jede Irritation meisterten sie auch die diffizilsten Koloraturen, etwa in dem Duett "Quis est homo, qui non fleret".
Schwerer hatten es die Männer. Tenor Adrian Xhema musste mehrmals gegen die beherzt spielenden Philharmoniker ansingen und Bassist Adrian Gans hatte seine liebe Not, sich im "Eia mater, fons amoris" gegen den im Fortissimo agierenden Männerchor durchzusetzen. Einstudiert und dirigiert wurde das insgesamt gut gelungene Werk von Jan Hoffmann, dem Chorleiter und Kapellmeister des Gießener Stadttheaters.
Beeindruckend war die musikalische Steigerung im "Quando corpus morietur", in dem die Schlussworte "Paradisi gloria" wie Trompetenstöße durch die Wetzlarer Stadthalle klangen. Am Ende nahm ganz - wie in der großen ernsten Oper, zu deren Meistern Rossini zählt - der Schlusschor nach den drei akkordischen Amenrufen zunächst die Gestalt eine vierstimmigen Fuge an, um dann abzubrechen und im Cello leise mit dem Motiv des Anfangs wieder zu beginnen.
Mit einem raschen Allegro schließt das Werk und die Musiker in Wetzlar überzeugten bis zum letzten Ton. Mit anhaltendem Beifall bedankten sich die Zuhörer für das außergewöhnlich gelungene Konzert. Klaus-J. Frahm , Wetzlarer Neue Zeitung, 23.04.2011